12.
Eine Kerze, sie brennt und das Wachs rinnt
hinab,
Das Gesicht, das sich formt, hat's nicht weit in sein
Grab.
Das Ding im Nebel hat mit mir gesprochen.« Matt stellte diese Aussage in den Raum, nachdem die Drake-Schwestern im Wohnzimmer ein Lager für Elle bereitet hatten. Erst am späten Nachmittag hatten die Arzte sie entlassen und ihre Familie war derart besorgt gewesen, dass Matt das Thema der Gefahr im Nebel wohlweislich gemieden hatte. Er und Kate waren am Vormittag zur Mühle rausgefahren, um das Siegel noch einmal genauer zu untersuchen und zu sehen, ob Kate etwas Neues über den Geist herausfinden konnte. Am Ursprungsort des ganzen Ärgers hatte er das Thema erst recht nicht zur Sprache bringen wollen.
Sofort herrschte Stille. Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit galt augenblicklich ihm. Kate stellte ihre Teetasse ab. »Davon hast du mir nichts gesagt.«
»Du warst gestern Abend und heute Morgen erschöpft und besorgt um Elle, Katie. Da wollte ich das Thema nicht zur Sprache bringen. Ich denke, jetzt, wo sie wieder zu Hause und außer Gefahr ist, ist ein guter Zeitpunkt, um darüber zu reden.« Leicht hatte man es nicht gerade, wenn man es mit sämtlichen Drake-Schwestern auf einmal zu tun hatte. Er konnte spüren, dass alle Blicke auf ihn gerichtet waren. Kraft erfüllte den Raum, weibliche Kraft, nicht greifbar, und doch war sie da. Eine Energie, die er beim besten Willen nicht erklären konnte, aber er wusste, dass sie zwischen den Schwestern floss, von einer zur anderen.
»Was hat es gesagt?«, fragte Sarah. Ihre Stimme war sanft und klang unvoreingenommen. Die praktische Sarah mit den magischen Kräften. Sie war die Älteste und die Einflussreichste.
»Nichts Verständliches. Es war eine Mischung aus einem Stöhnen und einem Knurren. Die Syntax war altmodisch, aber so weit ich überhaupt etwas verstanden habe, war es eine Warnung, meine Lieben von dem mit dem Stab fernzuhalten.«
»Dem Stab? Er hat das Wort Stab benutzt?«, fragte Kate.
Matt nickte. »Ich habe mir eine Menge Gedanken darüber gemacht und vielleicht hat das alles etwas mit dem Christentum und dem Stab des Lebens zu tun oder so. Wir sollten uns vielleicht fragen, ob diese Angriffe auf weihnachtliche Symbole sich gegen Symbole richten, die gezielt mit den christlichen Vorstellungen von Weihnachten zu tun haben«, schlug er behutsam vor.
Elle nahm das alte Tagebuch, das Sarah ihr reichte. »Ich werde mein Bestes tun, um hier einen Hinweis auf einen Stab zu finden«, sagte sie. »Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht dafür bedankt, dass du letzte Nacht zu meiner Rettung gekommen bist, Matt. Ich war zu Fuß auf dem Heimweg, als ich plötzlich gespürt habe, dass mich etwas über den Rand der Klippe stößt. Bei dem Sturz habe ich mir sämtliche Fingernägel abgebrochen, weil ich ständig versucht habe, mich in der Erde festzukrallen oder am Felsen festzuhalten. Ich habe keine Ahnung, wie Jackson es geschafft hat, an der Klippe herunterzusteigen und mich zu holen. Ich konnte nicht mal laut genug um Hilfe rufen und ich hatte Angst, mich von der Stelle zu rühren. Der Felsvorsprung ist buchstäblich unter mir abgebröckelt.«
»Ich weiß, dass es beängstigend war, Elle, aber wir haben dich wieder und jetzt kann dir nichts mehr passieren«, sagte Joley beschwichtigend.
»Kate hat in der Nacht gesagt, es sei erstaunlich, dass die Wesenheit es nicht auf Hannah abgesehen hat. Seltsam ist das schon, denn schließlich ist Hannah diejenige, die den Wind herbeiholt, der es aus der Stadt vertreibt und aufs Meer hinausdrängt«, sagte Matt. »Hat eine von euch eine Ahnung, warum er gar nicht erst versucht, ihr etwas anzutun?«
Sarah zog die Stirn in Falten. »Im Grunde genommen hat es nur Elle aktiv angegriffen.«
Kate schüttelte den Kopf. »Bei mir hat es das eindeutig auch versucht, Sarah. Und ich glaube, es hat versucht, Sylvia und ihr Liebesleben dafür zu benutzen, an Abbey heranzukommen, und dann hat es hier im Haus einen zweiten Versuch unternommen, als es sie gegen Jackson aufgehetzt hat. Bei Jackson weiß man nie, woran man ist, und Sylvia ist unberechenbar. Ich glaube, es wollte auch Abbey aus dem Weg räumen. Wäre Hannah nicht unter uns allen das größte Hindernis für ihn?«
»Was habt ihr alle miteinander gemeinsam?«, fragte Matt. Er beobachtete Sarah, die sich durchs Wohnzimmer bewegte und an allen Türen, Fenstern und Durchgängen hohe, dicke Kerzen anzündete. Jede der Kerzen hatte drei Dochte und sie standen in schmiedeeisernen Kerzenhaltern. Beim Anzünden jeder Kerze murmelte sie etwas vor sich hin, was er nicht hören konnte. Ihm fiel auf, dass Arrangements aus bunten Blumen und Kräutern zu Büscheln zusammengebunden und zu beiden Seiten jeder Fensterbank und über jedem Fensterrahmen angebracht worden waren. Diese getrockneten Pflanzenbüschel waren vorher nicht da gewesen. Die Duftmischung bestand vorwiegend aus Rosmarin, Jasmin und noch etwas anderem, worauf er nicht kam. Der flackernde Schein der Kerzen tanzte über die Wände und sprang bei jeder Bewegung, die eine der Schwestern machte, umher, als sei er auf sie eingestimmt.
»Abbey, Kate und Joley haben alle drei spezielle Gaben, die in Zusammenhang mit ihrer Stimme stehen«, antwortete Sarah und beugte sich über eine hohe Moosbeerkerze dicht am Erkerfenster. Sie warf einen Blick auf ihre jüngste Schwester, bevor sie die runde Kerze anzündete. »Elle besitzt viele Gaben, aber sie hat nicht die Stimme der drei. Sie besitzt allerdings eine ausgeprägte telepathische Veranlagung und sie kann Kate in der Schattenwelt erreichen. Weder Joley noch Abbey besitzt diese Fähigkeit.«
»Aber Joley ist nichts zugestoßen«, sagte Matt. Er seufzte. »Damit bin ich dann wohl am Ende meiner großartigen Detektivarbeit.«
Joley gab einen kleinen Laut des Widerspruchs von sich. »Das stimmt nicht ganz.« Augenblicklich hatte sie die Aufmerksamkeit all ihrer Schwestern gefangen genommen.
»Es ist etwas passiert, wovon du uns nichts erzählt hast?«, fragte Kate.
»Ich wollte nicht, dass ihr euch Sorgen macht«, gab Joley zu. »Wenn wir auf Tournee sind, bekomme ich alle möglichen blödsinnigen Drohungen, und in Anbetracht der Bedrohung, der Kate ausgesetzt war, wollte ich nicht, dass ihr euch noch mehr Sorgen macht.«
Joley streckte sich, ein sinnliches Spiel weiblicher Muskeln. Alles, was Joley tat, war erotisch, jede ihrer Bewegungen, sogar ihre Art zu sprechen. Dieser körperliche Ausdruck von Erotik war für sie so selbstverständlich wie das Atmen. Matt stellte fest, dass er ihr Aussehen und ihre Stimme zu würdigen wusste, ohne im Geringsten darauf zu reagieren. Für ihn war das ein weiterer klarer Beweis dafür, wie sehr er Kate liebte. Er ließ sich vor Kate auf den Boden sinken und lehnte sich an ihre Knie. Sofort gruben sich ihre Finger in sein dichtes Haar, um eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen.
»Was ist passiert, Joley?«, hakte Sarah nach.
»Vorgestern bin ich in mein Zimmer gegangen, nachdem wir alle miteinander geredet hatten. Hannah hat gesagt, sie hätte das Fenster geschlossen, weil der Nebel ins Haus gekrochen sei und ihr unbehaglich zumute war. Ich war so müde, dass ich nur noch ins Bett gefallen bin und nicht daran gedacht habe, auf die Stimmung im Zimmer zu achten. Später bin ich dann aufgewacht und war am Ersticken, als würde ich erdrosselt. Im ersten Moment dachte ich, ich hätte mir im Schlaf einen Schal um den Hals gewickelt und irgendwie hätte er sich zu eng um meinen Hals gelegt. Aber der Nebel war überall, dichte Schwaden. Ich konnte kaum etwas sehen. Ich habe den Schal von meinem Hals gezogen und den Ventilator angestellt. Meine Kehle hat geschmerzt und...« Sie zögerte, seufzte leise und zog den Rollkragenpullover von ihrem Hals. Auf ihrer Haut waren deutlich dunkle runde Abdrücke zu erkennen.
»Und es erschien dir nicht wichtig, uns das zu sagen?« Sarah wandte sich aufgebracht an ihre jüngere Schwester. »Du fandest, wir sollten nicht wissen, dass dieses Ding bereits in derart raffinierten Formen Gewalt anwendet? Joley! Was hast du dir bloß dabei gedacht? Das darf doch wohl nicht wahr sein.«
»Ich weiß.« Joley rieb mit ihrer Handfläche ihren Oberschenkel. »Im ersten Moment war ich außer mir vor Entsetzen und bin durchs Haus gelaufen, um die Kräuter und die Blumen für die Fenster zusammenzustellen, aber ich habe mich die ganze Zeit über gefragt, warum es mich nicht einfach umgebracht hat. Es hat gezeigt, dass es mich erwürgen kann. Warum also hat es sein Werk nicht zu Ende gebracht?«
»Vielleicht ist er noch nicht stark genug«, warf Abbey zaghaft ein.
Sarah warf einen Blick aufs Meer. »Er ist stark genug. Es gelingt ihm, Gestalt anzunehmen, und nach allem, was Matt sagt, hat er sogar eine Stimme gefunden.«
»Willst du damit etwa sagen, er hätte nicht versucht, Joley umzubringen? Bei Elle hat er es mit Sicherheit versucht«, wandte Abbey ein. »Vielleicht war er nicht darauf vorbereitet, dass sie sich mit solcher Heftigkeit wehrt.«
»Ich sage, dass es nicht versucht hat, mich umzubringen«, sagte Joley.
»Was hat es denn dann getan?«, fragte Sarah.
»Ich glaube, es hat versucht, mich zum Schweigen zu bringen. Mir meine Stimme zu rauben.«
Kate legte sich eine schützende Hand auf den Hals. »In der Schattenwelt wollte er mir auch an die Kehle gehen.«
Tief im Innern von Matt erstarrte etwas. Kate hatte eine unglaubliche Stimme. »Wenn er die Stimmen, die bezaubern können, zum Verstummen bringen will, dann stehen Joley, Abbey und Kate eindeutig auf seiner Abschussliste.« Er sah Elle an. »Aber warum du?«
Sie lächelte und ihre grünen Augen strahlten. »Vielleicht hat er etwas gegen Rothaarige.«
»Ich glaube, er will nicht erlöst werden«, stellte Kate in den Raum. »Als ich seine Hand berührt habe, habe ich Wut gefühlt, ja, aber das war nicht das vorherrschende Gefühl.« Sie beugte sich zu Elle vor. »Hast du nicht auch Kummer und Schuldbewusstsein wahrgenommen? Du warst da, du musst es auch gefühlt haben.«
Elle blickte mit bekümmerter Miene auf das Tagebuch hinunter. »Ich habe es gefühlt«, sagte sie leise.
Matt hob ruckartig seinen Kopf. »Elle nimmt die Gefühle anderer wahr. Du hast dich mit Jackson in Verbindung gesetzt, als er gefangen genommen wurde.«
Elle wich seinen Augen aus. »Ja.«
»Aber er war am anderen Ende der Welt«, wandte Matt ein.
Libby hielt ihrer jüngsten Schwester eine Hand hin und Elle griff sofort danach. »Es ist manchmal sehr schwierig, Matthew«, erklärte Libby. »Wir sind anders. Wir sehen so aus wie andere Menschen und wir versuchen, uns so zu benehmen wie sie, aber wir sind nicht normal und manchmal ist die Überbelastung, der wir ausgesetzt sind ...« Sie suchte nach dem richtigen Wort und sah ihre Schwestern hilflos an.
»Gefährlich«, warf Sarah hilfreich ein. »Jede von uns muss ihren eigenen Weg finden, um das zu bewältigen, was ihre Gabe zwangsläufig mit sich bringt.«
»Ich habe es an Kate beobachtet«, räumte Matt bereitwillig ein. »Gibt es eine Möglichkeit, diese Nebenwirkungen auf ein Minimum zu beschränken?«
Die sieben Frauen sahen einander an. Wie üblich war Sarah diejenige, die antwortete. »Jede von uns geht anders damit um. Die meisten von uns suchen sich ihren Freiraum, einen Ort, an den wir uns zurückziehen können, um dort so abgeschirmt wie möglich zu leben.« Sie lächelte Matt an. »Ich weiß, dass es Kate helfen wird, dich zu haben. Damon ist mir eine große Hilfe.«
»Bisher ist es mir nicht gelungen, sie davon abzuhalten, dass sie sich restlos übernimmt. Jedes Mal, wenn ich glaubte, wir bekämen eine kurze Verschnaufpause, wälzte sich der Nebel wieder heran«, hob Matt hervor. Es machte ihn außerordentlich glücklich, dass Sarah seine Beziehung zu Kate akzeptiert hatte.
»Du warst mir aber immer eine enorme Hilfe«, gestand Kate ihm dankbar zu.
Elle blätterte in dem Tagebuch. »Du hast gesagt, auf dem Siegel hätten Symbole gestanden, Kate. Konntest du irgendetwas davon lesen?«
»Die ersten Drakes, die sich hier niedergelassen haben, müssen diesen Geist, der nicht zur Ruhe kommt, unter dem Siegel eingesperrt haben, Elle. Es stammt eindeutig aus der Zeit, zu der die Stadt gegründet wurde. Dem Wenigen, was ich lesen konnte, habe ich entnommen, dass es um rasende Wut geht und auch darum, den Geist unter dem Siegel einzusperren, bis eine geboren wird, die etwas tun kann. Ich bin noch mal hingefahren, um es mir genauer anzusehen, aber der größte Teil des Siegels ist abgebröckelt und somit ist viel von der Aufschrift verloren gegangen.«
»Bis eine geboren wird, die etwas tun kann«, wiederholte Sarah laut. »Etwas, was mit ihrer Stimme zu tun hat.«
»Ich hab's«, sagte Elle triumphierend. »Er, dem keine Vergebung zuteil werden wird, muss versiegelt bleiben, bis eine geboren wird, die ihm Frieden geben kann.«
Lange Zeit herrschte Schweigen. Matt starrte die Moosbeerkerze an, deren drei Flammen flackernd brannten. Heißes Wachs rann wie ein Lavastrom an ihr herunter und bildete um den Kerzenhalter herum eine große Pfütze. Der Anblick war faszinierend, tiefrotes Wachs, das fast wie dunkles Blut floss. »Weshalb sollte er Frieden brauchen?«
Elle drückte sich eine Brille auf die Nase und befasste sich eingehend mit den ausgeblichenen Schriftzeichen. »Eine der Schwestern, die dabei geholfen haben, den Geist unter dem Siegel einzusperren, muss in der Lage gewesen sein, in die Zukunft zu blicken, wie Mom. Wenn das der Fall ist, bedeutet es, dass wir es schaffen sollten, ihn zur Ruhe kommen zu lassen.«
»Es sei denn, das Erdbeben hat ihm durch den Riss im Boden dazu verholfen, vor seiner Zeit zu entkommen«, sagte Matt.
»Das bezweifle ich«, sagte Sarah ernsthaft. »Im Allgemeinen kommen die Dinge so, wie sie kommen sollen, Matthew. Offenbar hat in unserer Zeit etwas zu geschehen. Uns bleibt gar nichts anderes übrig als eine Lösung zu finden. Das ist unsere Bestimmung.«
Matt rieb sich mit einer Hand das Gesicht. Er war nicht sicher, ob er an Vorbestimmung glaubte. Er spürte Kates Hand in seinem Haar und änderte seine Meinung. »Hannah, geht es dir wieder etwas besser?« Sie sah keine Spur besser aus. Er war vollkommen sicher, dass sie es ohne sie niemals geschafft hätten, Elle mitten in dem dichten Nebel von dem Vorsprung zu holen und sie auf die Spitze der Klippe zu bringen. Und sie hätten die Wesenheit auch nicht mehrfach aufs Meer hinaustreiben können, um die Einwohner des Städtchens zu beschützen.
»Ich habe mich ausgeruht. Libby hat mir geholfen.«
Libby Drake. Matt sah sie an. Sie hatte in der Kleinstadt einen legendären Ruf. Sie war die einzige Drake mit mitternachtsschwarzem Haar und blasser, nahezu durchscheinender Haut. Sie war von Natur aus zur Heilerin geboren, nicht jemand, der sich krampfhaft daran versuchte, diese Kunst zu erlernen, ohne die Gabe zu besitzen. Er lächelte sie an. »Schön, dich mal wieder zu sehen, Libby. Vielleicht solltest du dich besser verstecken, solange du zu Hause bist. Wenn sich herumspricht, dass du da bist, wird die ganze Stadt Schlange stehen, um sich von dir heilen zu lassen.«
»Ich möchte unbedingt Irenes Sohn besuchen. Meine Schwestern haben ihn mehrfach besucht und für ihn getan, was sie konnten, um ihm Erleichterung zu verschaffen, aber ich habe versprochen, ihn selbst aufzusuchen.«
»Libby!« Matt schüttelte ungläubig den Kopf. »Du weißt doch, dass er unheilbar krank ist. Sein Krebs ist im Endstadium. Dagegen kannst selbst du nichts tun.« Er wartete. Als niemand etwas sagte, sah er sie an. »Oder doch?« Die Vorstellung war hochgradig beunruhigend.
»Das weiß ich erst, wenn ich ihn gesehen habe«, gab Libby zu.
»Was würde dich das kosten?« Matt konnte sich nicht vorstellen, welchen Preis Libby dafür bezahlen würde, wenn sie tatsächlich jemanden heilte, der zum Sterben nach Hause geschickt worden war.
Libby lächelte ihn an. »Ich kann verstehen, warum Kate dich so sehr liebt, Matt. Dein Wahrnehmungsvermögen ist enorm ausgeprägt. Es ist eine ganz simple Rechnung. Ich könnte eventuell einen Einzelnen retten, aber während ich mich davon erhole, könnten mir hundert andere wegsterben.«
»So schlimm ist es?« Er nahm Kates Hand. Die Vorstellung, was diese Frauen in ihrem Alltag durchmachen mussten, ging ihm nahe. Auf ihre Weise waren sie Kriegerinnen, und er brachte ihnen tiefen Respekt entgegen.
»Möchte noch jemand Tee? Ich hole mir noch eine Tasse«, sagte Hannah.
»Ich kann ihn gern holen«, erbot sich Matt. Er kam sich im Moment etwas unnütz vor.
Hannah blieb kurz vor dem Durchgang zur Küche stehen. »Ich bin schon auf dem Weg, aber ich danke dir trotzdem«, sagte sie und ging weiter. Nach zwei Schritten blieb sie abrupt stehen und starrte die flackernde Kerze im Erkerfenster mit Blick aufs Meer an. »Sarah, komm her, das musst du dir ansehen.«
Matt stand ebenfalls auf und zog Kate mit sich auf die Füße. Besorgt warf er einen Blick durch das große Fenster. Jedes Mal, wenn etwas Seltsames passierte, kehrte der Nebel zurück und lauerte über der Stadt wie ein dunstiges rauchgraues Ungeheuer, das eine kauernde Wartehaltung einnahm, ehe es zum Sprung ansetzte.
»Was ist los, Sarah?«, fragte Elle, die zwischen Bergen von Kissen unter einer Steppdecke auf das Sofa gebettet war und die strikte Anweisung erhalten hatte, sich nicht von der Stelle zu rühren.
»Das Wachs bildet eine Form, während es an der Kerze herunterrinnt«, erklärte Sarah. »Es kommt mir vor wie ein Haken.«
»Oder eine dieser gebogenen Zuckerstangen.« Matts Deutung war pragmatischer.
»Es ist ein Stab«, korrigierte Hannah die beiden. »Ein langer Stab oder vielleicht auch ein Spazierstock. Etwas, das man zum Gehen verwendet.«
»Es wird immer verrückter«, sagte Abbey und rieb sich mit den Händen die Arme. »Und da wir gerade beim Thema sind, Joley, es tut mir leid, aber es ist unentschuldbar, dass du uns nicht erzählt hast, was dir zugestoßen ist. Du treibst es viel zu weit mit deinem Wunsch, uns abzuschirmen.«
Sarah lächelte Joley sanft an. »Sie hat recht, Schätzchen. Du hättest uns erzählen sollen, was passiert ist. Hast du noch mehr schlechte Nachrichten, mit denen du uns keine Sorgen bereiten möchtest?«
Joley zögerte einen Moment und zuckte dann die Achseln. »Tut mir leid, ich hätte euch erzählen sollen, dass der Nebel mich gewürgt hat. Macht ihr euch überhaupt eine Vorstellung davon, wie lachhaft das klingt?« Sie lachte laut los.
Kate fiel in ihr Gelächter ein. »Ich muss zugeben, dass er mit Adventskränzen nach mir geworfen hat.«
»Und kein Mensch würde glauben, dass der Nebel mich über den Rand der Klippe gestoßen hat«, sagte Elle mit einem schelmischen Lächeln. »Das kommt in unser Tagebuch, aber ansonsten erfährt niemand etwas davon!«
»Ich habe die Absicht, es unseren Kindern zu erzählen«, kündigte Matt an. »Das ist eine tolle Geschichte, wenn man um ein Lagerfeuer herumsitzt, und sie werden uns ohnehin kein Wort glauben. Sie werden mich aber für einen grandiosen Geschichtenerzähler halten.«
»Kinder?« Joley zog die Augenbrauen hoch. »Ich fände es ganz toll, wenn Kate Kinder bekäme. Es stimmt doch, dass die Granites grundsätzlich Jungen in die Welt setzen, oder? Große, kräftige, hungrige Jungen, die nie genug kriegen können?« Ihre Schwestern brachen in schallendes Gelächter aus, doch Kate schlug sich die Hände vors Gesicht und stöhnte.
»Das war alles andere als hilfreich, Joley«, sagte Matt und schlang seine Arme schützend um Kate, damit sie ihr Gesicht an seiner Schulter verbergen konnte. »Sie hat noch nicht mal eingewilligt, mich zu heiraten. Schreck sie mir bloß nicht mit dem Gedanken an kleine Jungen ab, die durch die Gegend laufen.«
Sarah betrachtete weiterhin das Wachs, das an der Kerze hinabrann. »Siehst du sonst noch etwas in dem Tagebuch, das uns weiterhelfen könnte, Elle?«
Elle rieb die Beule auf ihrer Stirn und sah stirnrunzelnd die dünnen Seiten an. »Als sich die ersten Einwohner hier niedergelassen haben, gab es keine vorherrschende oder mehrheitliche Religion. Eine Splittergruppe hat den Geburtstag eines heidnischen Gottes feierlich begangen. Das ist sehr interessant.« Elle blickte zu ihren Schwestern auf. »Viele der ersten Siedler haben sich regelmäßig versammelt, um ihre unterschiedlichen Weltanschauungen zu feiern, die es ihnen unmöglich gemacht hätten, in einer anderen Gemeinschaft zu leben. Die Gründerväter waren auf der Suche nach einem Zufluchtsort am Meer hier angelangt und sie haben sich ausgemalt, eines Tages würde die Stadt einen Hafen haben, um die Versorgung zu sichern. Hier steht tatsächlich eine ganze Menge über die Stadtgründer. Vielleicht gibt uns das Aufschluss darüber, warum die Menschen hier anderen gegenüber so tolerant sind.«
»Das erklärt auch, warum unsere eigene Familie sich ausgerechnet in Sea Haven niedergelassen hat.«
Kate knabberte zart an Matthews Hals. »Meine Großmutter hat uns regelmäßig Geschichtsunterricht gegeben, und wenn ich mich recht erinnere, hat sie gesagt, Weihnachten hätte in Amerika nur zögernd Anklang gefunden. Die frühen Siedler hätten Weihnachten überhaupt nicht gefeiert und in einigen Fällen sei das Fest tatsächlich verboten worden.«
»Stimmt.« Joley schnalzte mit den Fingern. »In manchen Gegenden wurde es als heidnisches Ritual angesehen. Aber das war lange Zeit vor der Gründung dieses Städtchens, oder nicht?« Sie strich Elle das Haar aus dem Gesicht und band es zu einem Pferdeschwanz zusammen. »Hat das etwas mit dieser ganzen Geschichte zu tun?«
»Danke, Joley«, sagte Elle. Sie strich die zerknitterten alten Seiten glatt. »Hier wollten die Einwohner Weihnachten feiern und sie haben sich auf einen Umzug geeinigt. Alle wurden, ungeachtet ihres Glaubens, aufgefordert mitzumachen, einfach nur so, zum Spaß. Sie sind damit umgegangen wie mit einer Theateraufführung, einer Inszenierung, bei der alle Einwohner mitspielten. Es war weniger eine religiöse Angelegenheit, sondern vielmehr dazu gedacht, dass alle ihren Spaß haben.« Sie blickte lächelnd auf. »Libby, unsere Ururgroßmutter mit noch viel mehr Urs davor, ich weiß nicht, wie viele, hat deine hochinteressante Handschrift. Ich muss, von der Sprache mal ganz abgesehen, auch noch die schlimmste Sauklaue auf Erden entziffern.«
»Ich habe keine Sauklaue.« Libby warf ein kleines Kissen nach ihrer Schwester und verfehlte sie um einiges.
»In dem Wachs ist noch etwas«, sagte Sarah. »Schaut euch das alle mal an und sagt mir, was ihr seht.«
Die Schwestern drängten sich um die Moosbeerkerze. Kate neigte ihren Kopf erst auf die eine Seite, dann auf die andere, und musterte das Wachs aus jedem Blickwinkel. »Woher hast du diese Kerze, Sarah? Ist es eine von denen, die Mom selbst herstellt?«
»Ja, aber ich wusste nicht, dass sie diese seltsamen Eigenschaften hat.«
»Ist eine Kerze nicht ein Symbol für Weihnachten?«, fragte Matt.
»Ja. Manche Leute sagen, Kerzenlicht mildere die unerbittliche Dunkelheit«, antwortete Kate. »Meine Mutter stellt unglaublich schöne Kerzen her.«
»Das kann ich mir vorstellen. Können sie alle Bilder entstehen lassen?« Matt deutete auf das Wachs, das in Strömen an der Kerze hinabrann.
»Ich glaube, es ist ein Gesicht«, sagte Sarah. »Sieh genau hin, Abbey, meinst du nicht auch, dass es ein Gesicht ist?«
»Das würde mich nicht wundern.« Matt warf einen Blick auf die dicke geschmolzene Wachsschicht, die sich um die Kerze herum gebildet hatte. »Der Geist hat sich Füße, einen Mantel, einen Hut und Knochen besorgt, warum also sollte er sich nicht auch ein Gesicht zulegen, selbst wenn es nur aus Wachs ist? Hat das Gesicht Augen? Vielleicht will er uns mal gründlich unter die Lupe nehmen.«
»Igitt.« Kate schnitt eine Grimasse. »Das ist eine grässliche Vorstellung. Dazu könnte er niemals eine von Moms Kerzen verwenden. Mom versieht jede Einzelne ihrer Kerzen mit einem heilenden und beruhigenden Zauber. Wir waren diejenigen, die vergessen haben, unser Haus zu sichern. Sie hat darauf bestanden, dass wir es jedes Mal von Neuem sichern, wenn wir zurückkommen, aber wir waren nachlässig und haben die Dinge schleifen lassen. Diese Lektion werde ich so schnell nicht wieder vergessen.«
»Ich auch nicht«, stimmte Joley ihr zu.
»Ich glaube, jetzt habe ich es gefunden«, sagte Elle aufgeregt. »So ziemlich alle wollten mitmachen, mit Ausnahme einer kleinen Gruppe von Anhängern der Erdgötter. Sie haben den Umzug als eine christliche Feier angesehen und es als falsch empfunden, daran teilzunehmen. Einer von ihnen, ein gewisser Johann, hat kein Blatt vor den Mund genommen und behauptet, der Umzug sei eine Sünde und wer daran teilnähme, würde bestraft. Sein Schwager Abram Lynchman hat seinem Rat zuwidergehandelt und seiner Frau und seinem Kind erlaubt, an dem Umzug teilzunehmen. Da er Johann die Stirn geboten hat, hat der Rest der Gruppe beschlossen, ebenfalls bei dem Umzug mitzumachen.«
»Ist dieser Johann sauer, weil seine Schäfchen sich ihm widersetzt haben?«, fragte Joley.
Elle hob eine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. Dann schlug sie sich die Hand auf die Kehle und Matt sah, dass ihre Hand zitterte. »Alle haben mitgeholfen und bei der Aufführung mitgewirkt. Sie haben selbstgemachte Kerzen und Leuchten mitgebracht. Der Schäfer hat mit seinem Stab etliche Schafe zusammengetrieben und die Schafe sind auseinandergestoben und in die Menschenansammlung hineingerannt.«
Keine der Schwestern lachte. Sie sahen gebannt in Elles Gesicht. Matt warf einen Blick aus dem Fenster und sah den dichten Nebel, der sich nicht von der Stelle rührte. Aus irgendwelchen Gründen begann sein Herz zu hämmern. Die seltsamen Antennen, die ihm immer sagten, dass Gefahr nahte, ließen all seine Alarmglocken schrillen, sogar hier in der Wärme und Geborgenheit des Drake-Hauses.
»Die Leute hatten ihren Spaß und haben laut gelacht, als die Schafe durch die Menge gelaufen sind und der Schäfer hinter ihnen hergerannt ist. Dann sind die Schafe aber in Panik geraten und geradewegs in den kleinen Stall hineingerannt, den die Einwohner für die Aufführung errichtet hatten. Der Stall ist daraufhin in sich zusammengesackt und dabei sind mehrere Kerzen in das trockene Stroh gefallen. Das Feuer hat sich auf dem Boden ausgebreitet und die Holzbretter, aus denen der Stall zusammengezimmert war, sind in Flammen aufgegangen. Die brennenden Bretter sind auf mehrere Personen gefallen, die an der Aufführung teilgenommen haben, und sie konnten sich nicht retten, darunter auch Abrams Frau und sein Kind.« Elle schluchzte fast. Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann das nicht lesen. Ich kann die Worte nicht lesen. Anastasia, die das Tagebuch geschrieben hat, war dabei, sie hat alles mit angesehen, sie hat die Schreie gehört und sie hat sie sterben sehen. Ihre Gefühle sind in dem Buch festgehalten. Ich kann es nicht lesen, Sarah.« Es klang wie ein Flehen.
Matt hätte sie gern getröstet. Der Drang war so stark, dass er tatsächlich ein paar Schritte auf sie zuging, bevor ihm klar wurde, dass er nicht nur Elles Gefühle, sondern auch die ihrer Schwestern wahrnahm. Sie eilten alle an ihre Seite. Sarah nahm ihr das Buch aus den Händen und Kate schlang ihre Arme um Elle. Die anderen berührten sie, um sie zu entlasten, indem sie einen Teil der sehr starken Gefühle aus einer längst vergangenen Zeit auf sich nahmen, die den Seiten des Tagebuchs immer noch anhafteten.
»Tut mir leid, Schätzchen«, sagte Sarah liebevoll, »ich hätte daran denken sollen. Du hast ohnehin schon so viel durchgemacht. Kate, glaubst du, du kannst dir in etwa ein Bild davon machen, was anschließend passiert ist? Ich würde dich nicht darum bitten, wenn es nicht so wichtig wäre.« Sie hielt Kate das Buch hin.
Matt hätte ihr das Buch am liebsten aus den Händen gerissen und es an die Wand geworfen. »Kate hat mit diesem Ding auch schon genug durchgemacht, Sarah. Du kannst nicht noch mehr von ihr verlangen.« Er war wütend. Jetzt reichte es ihm. »Elle ist dort draußen beinah gestorben. Ohne Jackson wäre sie jetzt tot. Du machst dir keine Vorstellung davon, was für ein Wunder es war, dass sie nicht auf den Grund des Meeres gestürzt ist.«
Kate legte ihm eine Hand auf den Arm, um ihn zu beschwichtigen. Sarah nickte. »Mir ist bewusst, was ich verlange, Matthew, und ich kann dir nicht vorwerfen, dass du wütend bist. Es wäre mir auch am liebsten, wenn Kate dieses Tagebuch nicht anrühren müsste, aber wir müssen wissen, warum dieser Geist tut, was er tut. Ansonsten stirbt vielleicht tatsächlich jemand. Wir müssen es wissen.«
Kate nahm Sarah das Buch aus der Hand. Matt murmelte einen Schwall von Flüchen vor sich hin und wandte sich von den Schwestern ab. Ein Gefühl von Hilflosigkeit befiel ihn. In dieser Situation nutzten ihm seine ganze Spezialausbildung und sein Geschick im Überlebenskampf überhaupt nichts. Da er Kate nicht ansehen wollte, weil ihm vor der Anspannung und der Erschöpfung graute, die er in ihren Zügen lesen würde, heftete er seinen Blick starr auf die Moosbeerkerze und die Unmengen von Wachs, die an ihr hinabrannen. Während er die Kerze anstarrte, schlug ihm das Herz plötzlich im Hals. Er ging einen Schritt auf die Kerze zu und sah sie voller Entsetzen an. »Katie.« Er flüsterte ihren Namen, denn sie war seine Welt, sein ganzes Glück. Und er brauchte sie.
Kate legte einen Arm um ihn. Er konnte seinen Blick nicht von dem Gesicht lösen, das sich im Wachs gebildet hatte, und er betete, dass er sich irrte. Und doch wusste er, dass ein Irrtum ausgeschlossen war. Kate sah das Gesicht an und schnappte nach Luft. »Danny. Es ist Danny.«